Men in Trouble

Christina Maria Ruederer für SCHIRN Kunsthalle MAG

Glück, Liebe, Geld, Sex, Schön­heit, Glaube. In der Talkshow „Men in Trou­ble“ verhandelt Filmemacherin Jovana Reisinger Geschlech­ter­rol­len, patri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren und Macht­ver­hält­nisse.

Tiptop! Sexperte und Frau­en­ver­ste­her Mann 3 findet es wich­tig, dass Sex abso­lut beid­sei­tig gewollt ist und verzich­tet dabei auch gerne mal auf den eige­nen Orgas­mus. Unfair! Der unglück­li­che Mann 1, dem von Frauen alles wegge­nom­men wird, ist auf der Suche nach dem Weg zurück. Wow! Frau 1 ist glück­lich verliebt, mit Schmet­ter­lin­gen im Bauch, arbei­tet aber auch hart dafür – genauso wie es sich eben gehört. Ähh. Mann 2, ein Char­meur aus der Beau­ty­in­dus­trie hilft Frauen dabei, sich wieder durchs Leben lächeln zu können, dabei möchte er so gerne das hier­ar­chi­sche System der Schön­heit mit flui­den Schön­heits­bil­dern ersetzt sehen. Mann 4 hinge­gen lächelt nicht. Das will wirk­lich niemand sehen! Und Frau 9 besinnt sich lieber auf nied­rige Erwar­tun­gen. Beide aber hoffen auf bessere Zeiten.

Die sechs­tei­lige Talk­show „Men in Trou­ble“ der Filme­ma­che­rin und Auto­rin Jovana Reisin­ger wurde erst kürz­lich im Rahmen des Ausstel­lungs- und Vermitt­lungs­pro­gramms „Enttäu­schung“ der Kunst­halle Osna­brück gedreht. Das rosa lackierte Bauge­rüst, plat­ziert im vorde­ren Teil des Kirchen­schiffs der Insti­tu­tion, fungiert als eigene Instal­la­tion, die im unte­ren Geschoss weitere Video­ar­bei­ten der Filme­ma­che­rin vereint. Seit Novem­ber ist sie Pande­mie-bedingt nicht mehr zugäng­lich. Die sechs Videos von „Men in Trou­ble“ aber sind bis 14. Februar 2021 über Jovana Reisin­gers Vimeo-Kanal frei verfüg­bar und bele­ben das rosa schim­mernde Studio mit den Themen Glück, Liebe, Geld, Sex, Schön­heit und Glaube.

Das TV-Format soll eine Nähe zur Gesell­schaft sugge­rie­ren

Für „Men in Trou­ble“ griff Reisin­ger auf ein mitt­ler­weile abge­dräng­tes TV-Format zurück, den soge­nann­ten „Daily Talks“. Inner­halb Reisin­gers filmi­scher Spra­che und Ästhe­tik lassen sich immer wieder Elemente aus Fern­seh­for­ma­ten, wie Tele­shop­ping, Talk­shows oder Reality-TV finden­ – so auch bei frühe­ren Werken von ihr, wie „Beauty is Life“ (2019), „WENDY“ (2018) oder die Film­reihe „pretty, pretty, mad sad“ (2016-18). Mono­the­ma­tisch ange­legt, insze­nie­ren sich „Daily Talks“ als dyna­mi­sche Diskus­si­ons­räume, indem sie immer Verbin­dun­gen zum filmi­schen Außen aufrecht­er­hal­ten, Nähe zur Gesell­schaft sugge­rie­ren oder diese vermeint­lich abzu­bil­den versu­chen. 

Ab den frühen 1990er Jahre bissen sie sich mehr als zwan­zig Jahre im deut­schen Privat­fern­se­hen fest und füll­ten an Wochen­ta­gen von vormit­tags bis zum frühen Abend das Programm. Von Vera am Mittag (1996 -2006) über Hans Meiser (1992-2001), Arabella (1994-2004) bis hin zu Ricky (1999-2000) glichen sie sich alle in ihrem Ablauf. Die über­ra­schend hohe Diver­si­tät unter den Modera­tor*innen ist viel­leicht das einzig gesell­schaft­lich rele­vante, was dem Format rück­bli­ckend abzu­ge­win­nen ist, das sich zum Aushän­ge­schild machte, der brei­ten Gesell­schaft einen Reprä­sen­ta­ti­ons­raum inner­halb des dama­li­gen Leit­me­di­ums Fern­se­hen zu bieten.

Das Private rückte in den Vordergrund

Dabei setzte das Format auf Programm­pro­fi­lie­rung, indem es sich von poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen Themen entfernte und das Private in den Vorder­grund rückte. Güns­tige Produk­ti­ons­be­din­gun­gen verbun­den mit Show­cha­rak­ter und Emotio­na­li­sie­rung brachte die gewünschte Einschalt­quote, die die „Daily Talks“ bestä­tig­ten und ihre jahr­zehn­te­lange Fort­füh­rung garan­tierte. Ende der 1990er Jahre kam es zu vermehr­ter medi­en­ethi­scher Kritik. Als Reak­tion darauf veröf­fent­lichte der Verband Priva­ter Rund­funk und Tele­me­dien Leit­li­nien, die beispiels­weise neben der Einhal­tung des Jugend­schutz­ge­set­zes auch forder­ten, extre­men Anschau­un­gen kein Forum mehr zu bieten. Unter ihnen findet sich aber auch der Anspruch bei „Darstel­lun­gen von abwei­chen­den und außer­ge­wöhn­li­chen Einstel­lun­gen zu gesell­schaft­li­chen aner­kann­ten Werten und Normen, das Außer­ge­wöhn­li­che nicht als das Durch­schnitt­li­che und das Abwei­chende nicht als Normale erschei­nen zu lassen“.

In „Men in Trou­ble“ verweh­ren die Gäste den zu tiefen Einblick in ihr Privat­le­ben, so sehr die Modera­to­rin auch nach­bohrt. Provo­ka­tio­nen grei­fen nicht, Klas­si­fi­ka­tio­nen in „Anders“ und „Normal“ werden einge­stampft und Diver­si­tät begrüßt. Ganz zur Enttäu­schung der männ­li­chen Chef­etage und der Regie, die hier dennoch die Ober­hand behält, wie es die Modera­to­rin immer wieder in Form von Seiten­hie­ben durch­si­ckern lässt und es die männ­li­che Stimme aus dem Off immer wieder deut­lich macht, wenn sie beispiels­weise die Modera­to­rin in ihrem eige­nen Studio will­kom­men heißt und damit vorführt. Reisin­ger weiß das verfehlte Poten­zial der „Daily Talks“, für sich zu nutzen und läutet die Show mit selbst­be­wuss­tem und vor Taten­drang strot­zen­den Intro ein, um darin auf humor­volle, viel­per­spek­ti­vi­sche und kriti­sche Weise Geschlech­ter­rol­len, patri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren und Macht­ver­hält­nisse zu verhan­deln.

Jovana Reisin­ger weiß das Poten­zial der „Daily Talks“ für sich zu nutzen

 Das anachro­nis­ti­sche Moment, das dabei entsteht, versinn­bild­licht das Dilemma aus stagnie­ren­den, über­hol­ten Geschlech­ter­kon­struk­tio­nen und dem dring­li­chen Wunsch der Über­win­dung, der sich stilis­tisch in der über­zo­ge­nen „Verweib­li­chung“ des Studios und der Modera­to­rin ausdrückt sowie im bewuss­ten Verzicht auf die Reprä­sen­ta­tion von gewohn­ten Männ­lich­keits­codes. Alle hier als Mann ausge­schrie­be­nen Rollen, tragen Röcke, lange Haare, Make-up oder treten als Geschlecht-Bender auf.

Die sinn­ent­leer­ten oft (tragi-)komi­schen Dialoge, die voller Plat­ti­tü­den, Sprich­wör­ter, Schön­re­de­rei und lang­ge­zo­ge­nen Pausen stecken, entblö­ßen die Gesprächs­gäste als flach und in ihren Lebens­vor­stel­lun­gen gefan­gen, was auch die einge­blen­de­ten Bauch­bin­den unter­mau­ern. Die Modera­to­rin, gewillt die Themen anzu­ge­hen, beißt sich an ihnen die Zähne aus und rettet sich mit aufklä­re­ri­schen Mono­lo­gen, mimi­schem Aufbe­geh­ren und trocke­nen Kommen­ta­ren vor der endgül­ti­gen Frus­tra­tion.

Anfäng­lich noch ange­passt und der, in männ­li­cher Hand liegen­den Sendung unter­wor­fen – nicht zu verwech­seln mit profes­sio­nell – versteht die Modera­to­rin ihre Rolle für sich zu nutzen, was die beweg­li­che, unmit­tel­bare Kamera zu provo­zie­ren scheint und der Bruch mit dem Dress­code nuan­ciert. Im Zusam­men­spiel mit dem Publi­kum, das sich eben­falls durch erhel­lende Gäste und Meinung auszeich­net und dem stän­di­gen Durch­bre­chen der vier­ten Wand bekommt das starre Gefüge Risse. Gänz­lich zu Fall brin­gen, kann sie es aber nicht, denn wie die Modera­to­rin einse­hen muss, „Reali­tät in einer Talk­show zu behaup­ten, ist irre!“


Außerdem:
Interview mit Madeleine Freund für GALLERYTALK


Beauty is Life

Beauty is Life : NOWNESS

Want a better body? Tune in to this unnerving teleshopping advert to find out how

Vaginal rejuvenation sticks, slimming straps, face trainers, and breast enlargement pads… Looking good has never been so complicated for the ten women in this film who demonstrate the latest beauty technologies. Writer and filmmaker Jovana Reisinger’s satirical new film, Beauty is Life, continues in the same vein as her previous work that explores socially-inscribed behaviors and market-driven decisions. In this latest project, the Munich-based artist holds a mirror up to the global beauty industry only to reveal a crack in its reflection.

“Beauty companies are part of a system that profits from the perpetuation of female insecurities and then gets women to blame themselves for it,” says Reisinger. “More money than ever is being invested in beauty worldwide.” 

“Reisinger’s women silently summon the awkward charm of a late-night teleshopping model”

The filmmaker creates a false sense of security in the opening moments of Beauty is Life with its soft pastel colors and elegant Bonsai tree that fill the frame. Wearing silk robes and smiles that never reach the eyes, Reisinger’s women silently summon the awkward charm of a late-night teleshopping model. From mini epilators to futuristic UV light face masks, the audience’s decreasing familiarity with these tools of beautification only serves to increase the absurdity of modern trends. 

The film takes an unexpected turn and segues into a second chapter that is different in tone but still tied to the film’s overall messaging. Now fully clothed, the women engage in a roundtable on the female experience, objectification and sexism. With these conversations, Reisinger’s film avoids coming across as a critique of those who want to augment their bodies. Instead, Beauty is Life is a wickedly sharp exploration of the burden of femininity, which has been shaped by the beauty industry’s financial interest in marketing women’s bodies as works in progress.
November 6, 2020


Beauty is Life: dazed beauty

TEXT HANNAH BERTOLINO

DIRECTOR JOVANA REISINGER WANTS TO CHANGE THE UNREALISTIC STANDARDS OF GENDER, BEAUTY, AND SEXUALITY FOR GOOD

In 2020, we’ve seen just about every unusual beauty treatment possible – between TikTokers shaving down their teeth with nail files to get straighter smiles (please don’t do this), Kesha declaring herself a, “butt mask lady,” and encouraging us to use sheet masks on our butts, and really just about everything Goop Labs has ever done.

New film Beauty is Life – premiering on Nowness  – however, is showcasing the toxicity behind beauty treatment culture. Directed by Jovana Reisinger and in the unsettling set of a late night shopping advert, the film follows 10 women in silky robes experiencing a series of abnormal beauty treatments – including face trainers, breast enlargement pads, double chin exercisers, and even vaginal rejuvenation sticks. Ouch.

“Beauty companies are part of a system that profits from the perpetuation of female insecurities and then gets women to blame themselves for it,” explained Reisinger. “More money than ever is being invested in beauty worldwide.” 

Towards the end of the film, the same women, changed into suits, gather around a table to discuss the gender, sexuality and objectification built into the female experience. “Isn’t it the fault of capitalism?” one of the women asks the group. “Always needing to be strong, optimise oneself, be pushy and whoever is pushy wins.”

“It makes me angry,” another woman shares. “That an industry based on exploiting the insecurities of women for profit exists.” Bizarre treatments aside, it’s definitely time for something to change.





Still Halten

Selbstgespräche einer Verlorenen“ Björn Hayer für Neues Deutschland
Das Urbild einer Frau verwunden“ von Stella Schalamon für Frankfurter Rundschau
Schnell, grell und fatal“ von ULRICH GUTMAIR für taz
Handeln statt warten“ von Anna Steinbauer für SZ
Eine wiederkehrende Drohung“ von Ludwig Lugmeier für Junge Welt
Den Schweigenden eine Stimme“ von Julian Ingelmann für literaturkritik.de
Kampf Gegen Die Natur“ von Matthias Ubl für HUch#88

Mehr Presse + Leseprobe auf der Seite vom Verbrecher Verlag

Jurybegründung Wortspiele-Preis 2018




pretty pretty mad sad

Durchdringen bis zur Oberfläche: Die Kurzfilmtage Oberhausen 2017“ von Frédéric Jaeger für critic.de
Münchens Kunstverein wird zum Bahnhofskino“ von Michael Schleicher für Münchner Merkur

Jurybegründung STARTER-Filmpreis 2018
Jurybegründung ZONTA-Preis 2017